Brasilien

Bra|si|li|en; -s:
Staat in Südamerika.

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Brasili|en,
 
 
 
Fläche: 8 547 404 km2
 
Einwohner: (2000) 169,2 Mio.
 
Hauptstadt: Brasília
 
Amtssprache: Portugiesisch
 
 
Währung: 1 Real (R$) = 100 Centavos
 
Zeitzone: 800 Rio de Janeiro = 1200 MEZ
 
amtlich portugiesisch Repụ́blica Federativa do Brasịl, deutsche Föderative Republik Brasilien, Bundesstaat in Südamerika, umfasst die östliche Hälfte (47 %) des Kontinents und ist mit einer Fläche von 8 547 404 km2 der fünftgrößte Staat der Erde. Brasilien wird von allen südamerikanischen Staaten außer Ecuador und Chile begrenzt, seine Atlantikküste hat eine Länge von rd. 7 400 km; (2000) 169,2 Mio. Einwohner, Hauptstadt ist Brasília, Amtssprache Portugiesisch. Währungseinheit: 1 Real (R$) = 100 Centavos (seit Juli 1994). Zeitzonen: Ostbrasilianische Zeit (800 Rio de Janeiro = 1200 MEZ), Atlantikzeit (700 Manaus = 1200 MEZ), Eastern Time (600 Rio Branco = 1200 MEZ).
 
 Staat und Recht:
 
 
Nach der Verfassung vom 5. 10. 1988 (mehrfach, zuletzt 1994, ergänzt und modifiziert) ist Brasilien eine föderative Republik mit Präsidialregime. Staatsoberhaupt und oberster Inhaber der Exekutive ist der Präsident; er steht der Regierung vor und ernennt die Mitglieder des Kabinetts. Er wird nach dem Mehrheitswahlrecht auf 4 Jahre direkt gewählt (Wiederwahl nicht möglich). Erzielt im ersten Wahlgang keiner der Kandidaten die absolute Mehrheit, kommt es zwischen den beiden erstplatzierten Kandidaten zur Stichwahl. Dem Präsidenten steht als Konsultativorgan der Rat der Republik zur Seite, dem u. a. der Vizepräsident, der Justizminister, die Vorsitzenden der beiden Kammern des Parlaments sowie der Mehrheits- und Minderheitsfraktionen (beider Kammern) angehören. Die Legislative liegt beim Nationalkongress (Congresso Nacional), bestehend aus Abgeordnetenkammer (Cȃmara dos Deputados; 513 Abgeordnete) und Senat (Senado Federal; 81 Mitglieder). Die Anzahl der Mitglieder des Abgeordnetenhauses richtet sich nach der Bevölkerungsdichte der einzelnen Gliedstaaten. Die Abgeordneten werden für 4 Jahre nach dem Verhältniswahlrecht gewählt (Wahlrecht ab 16 Jahren). Die Mitglieder des Senats (3 Senatoren je Staat, achtjährige Amtszeit) werden nach dem Mehrheitswahlrecht in Teilwahlen (ein Drittel nach vier, zwei Drittel nach weiteren vier Jahren) gewählt.
 
Die Pflege der auswärtigen Beziehungen, die nationale Sicherheit, der Unterhalt der Streitkräfte, das Finanz- und Erziehungswesen sowie andere wichtige Bereiche sind Sache des Bundes. Die Verfassung nennt eine Reihe von Grundfreiheiten. Für Angehörige des öffentlichen Dienstes u. a. wichtiger Einrichtungen ist das Streikrecht eingeschränkt.
 
Parteien:
 
Seit Mai 1985 ist die freie Bildung politischer Parteien verfassungsmäßig garantiert. Einflussreichste Parteien sind Partido de Movimento Democrático Brasileiro (PMDB; deutsch Partei der Brasilianischen Demokratischen Bewegung), Partido da Frente Liberal (PFL; deutsch Partei der Liberalen Front), Partido da Social-Democracia Brasileira (PSDB; deutsch Sozialdemokratische Partei Brasiliens), Partido Progressista Reformador (PPR; deutsch Partei der Progressiven Umgestaltung), Partido dos Trabalhadores (PT; deutsch Arbeiterpartei), Partido Progressista (PP; deutsch Partei des Fortschritts), Partido Democrático Trabalhista (PDT; deutsch Demokratischen Arbeiterpartei) und Partido Trabalhista Brasileiro (PTB; deutsch Brasilianische Arbeiterpartei).
 
 
Als Gewerkschaftsdachverbände existieren die linksgerichtete Central Unica dos Trabalhadores (CUT) und die dem PMDB nahe stehende Confederção dos Trabalhadores (CGT).
 
 
Das Wappen (1889) zeigt im Zentrum das Sternbild Kreuz des Südens, umrahmt von 26 Sternen, die für die Bundesstaaten stehen, und aufgelegt auf einem großen, fünfzackigen Stern in den Nationalfarben, der Einheit und Unabhängigkeit symbolisiert und eingefasst wird von einer fruchttragenden Kaffee- und einer blühenden Tabakpflanze. Unter dem Stern erscheint gleichsam als Sternhalter ein Schwert. Das Spruchband unter dem Wappen enthält den amtlichen Landesnamen und das Datum der Ausrufung der Republik.
 
Nationalfeiertage:
 
Nationalfeiertag ist der 7. 9., zur Erinnerung an die Erlangung der Unabhängigkeit 1822.
 
 
Brasilien gliedert sich in 26 Bundesstaaten und einen Bundesdistrikt, der die Bundeshauptstadt Brasília umfasst. Jeder Gliedstaat verfügt über ein eigenes Parlament, an der Spitze steht jeweils ein direkt gewählter Gouverneur.
 
 
Das bürgerliche Recht ist im Zivilgesetzbuch von 1916 und das Handelsrecht im Gesetzbuch von 1850 enthalten. Beide Gesetzeswerke sind v. a. vom französischen, portugiesischen und deutschen Recht beeinflusst. Die Rechtsprechung wird von Bundesgerichten und Gerichten der Einzelstaaten ausgeübt. Auf Bundesebene bestehen der Oberste Bundesgerichtshof, ein Wahlgerichtshof, ein Arbeits- und ein Militärgericht.
 
 
Die Gesamtstärke der Wehrpflichtarmee (Dienstzeit 12 Monate) beträgt 296 000, die der paramilitärischen Milizen der Bundesstaaten 243 000 Mann. Das Heer (196 000 Soldaten) verfügt über 26 Brigaden Kampftruppen sowie weitere Verbände der Artillerie und der Pioniere. Luftwaffe und Marine haben je 50 000 Mann. - Die Ausrüstung umfasst im Wesentlichen 520 ausschließlich leichte Kampfpanzer (ältere amerikanische Typen M-3 und M-41, zum Teil modifiziert), etwa 200 Kampfflugzeuge, einen Flugzeugträger, acht Zerstörer, 14 Fregatten, fünf U-Boote sowie 30 Kleine Kampfschiffe. - Das Land verwendet etwa 4 % der Staatsausgaben für die Verteidigung.
 
 Landesnatur und Bevölkerung:
 
 
Brasilien besteht aus drei großen Landschaftsräumen: dem vom Amazonas und seinen Zuflüssen durchströmten Amazonastiefland, dem nördlich davon gelegenen Bergland von Guayana und dem im Südosten gelegenen Brasilianischen Bergland. Das ganze Gebiet bildete bis ins Mesozoikum einen Teil (Brasilia) des alten Südkontinents (Gondwana) und gehört zu den stabilen Krustenzonen der Erde. Brasilien hat daher keine Vulkane und wird von Erdbeben kaum betroffen.
 
Den größten Teil des Landes nimmt das Brasilianische Bergland ein, das im Südosten seine größten Höhen erreicht und dort mit einem Steilabfall zur Atlantikküste abbricht. Nach Süden und Südwesten ist es vorwiegend als Stufenland ausgebildet und geht als Hügelland in das von großen Haffen begrenzte Küstentiefland und das Binnentiefland des La-Plata-Flusssystems über. Landeinwärts nach Norden senkt es sich mit ausgedehnten Hochflächen (Planaltos, Chapadas) allmählich zum Tiefland des Amazonas ab (Amazonien). Im äußersten Norden hat Brasilien Anteil am Bergland von Guayana, einem Rumpfgebirge mit weiten Hochflächen und isolierten Inselbergen, das schroff zum Amazonastiefland abfällt und geologisch und im Relief dem Brasilianischen Bergland gleicht. Hier erhebt sich an der Grenze zu Venezuela mit dem Pico da Neblina (3 014 m über dem Meeresspiegel) der höchste Berg Brasiliens.
 
Der ganze Norden des Landes gehört dem Stromgebiet des Amazonas an, der Süden mit den Oberläufen von Paraguay, Paraná und Uruguay dem La-Plata-System, der Osten kleineren, direkt in den Atlantik mündenden Flusssystemen (Rio São Francisco, Rio Parnaíba). Die meisten Flüsse sind wasserreich, aber (mit Ausnahme des Amazonas) wegen vieler Stromschnellen selbst in den Unterläufen kaum schiffbar. Bedeutende Wasserfälle sind die Iguaçufälle (57-72 m) an der argentinischen Grenze und die Paulo-Afonso-Fälle (81 m) des Rio São Francisco.
 
Obwohl erst ein Teil des Landes geologisch erforscht ist, gilt Brasilien als eines der an Bodenschätzen reichsten Länder der Erde. Die wichtigsten finden sich in Pará (Eisenerz von Carajás, Manganerz, Bauxit, Gold) und in Minas Gerais: hochwertige Eisenerze, reiche Manganerz- und Bauxitlager, außerdem Gold, Edel- und Schmucksteine. Eisen- und Manganerzlagerstätten gibt es auch in Mato Grosso und Amapá. Außerdem verfügt Brasilien über große Lager von Magnesit, Kupfer-, Blei-, Zinn-, Zink-, Chrom- und Nickelerzen sowie (v. a. im Nordosten) von Wolfram-, Uran- u. a. seltenen Erzen. Dagegen fehlen größere Kohlevorkommen; Erdöl wird v. a. in Bahia und in den Offshoregebieten vor der Küste Rio de Janeiros gefördert. (Siehe Abschnitt Wirtschaft)
 
Klima und Vegetation:
 
Obwohl Brasilien größtenteils im Bereich der Tropen liegt, unterscheiden sich die fünf Regionen des Landes (Norden, Nordosten, Mittelwesten, Südosten und Süden) doch stark voneinander.
 
Der Norden mit dem Amazonastiefland als zentraler Landschaft hat tropisches Regenwaldklima mit Temperaturen um 27 ºC, Jahresniederschlägen von 2 000 bis 4 000 mm und einer Luftfeuchtigkeit von bis zu 90 % im Tiefland. Zur Küste hin kann eine Trockenzeit auftreten, jedoch reichen auch hier die Niederschläge für das Wachstum des tropischen Regenwaldes aus. Im Bergland von Guayana herrscht ein Savannenklima mit Trockenzeit im Winter, das auch typisch für den größtenteils im Brasilianischen Bergland gelegenen Mittelwesten ist. Dort liegen die mittleren täglichen Tiefst- und Höchsttemperaturen bei 17 ºC beziehungsweise 28 ºC, die Jahresniederschläge nur noch bei 1 600 mm. Die für den Mittelwesten typische Vegetation ist eine Übergangsform aus lichten, niedrigen, in der Trockenzeit Laub abwerfenden Wäldern und offenem Grasland (Campos cerrados); daneben gibt es noch weite Sumpfgebiete (u. a. das Pantanal). Im Mittelwesten wird die Agrarerschließung des Landes (mit großflächigen Rodungen) besonders ehrgeizig vorangetrieben; ähnliche Entwicklungsprojekte sind für das Bergland von Guayana im nördlichen Grenzraum von Brasilien geplant. Die südlich der Amazonasmündung gelegene Küstenregion Nordosten gilt mit den alten Kolonialstädten Salvador (früher Bahia) und Recife als »Wiege der brasilianischen Kultur«. Auch hier herrscht tropisches Savannenklima, die Temperaturen bewegen sich zwischen 23 ºC und 30 ºC, die Jahresniederschläge liegen bei 1 250 mm mit einer einfachen Regenzeit im Herbst, fallen jedoch so unregelmäßig, dass es v. a. im Regenschatten der Gebirge in weiten Landesteilen immer wieder zu Dürrekatastrophen kommt. Typ. Vegetation sind Trockenwälder (Caatinga) mit Dornbüschen und Sukkulenten. Im Küstenraum um Salvador gibt es aber, unter dem Einfluss der landeinwärts wehenden Passate, ein Gebiet mit tropischem Regenwaldklima und entsprechender Vegetation, ebenso weiter südlich um Rio de Janeiro, das in der Region Südosten liegt. In dieser Region macht sich schon ein Jahresgang der Temperatur bemerkbar (zwischen 18 ºC und 27 ºC), bei Jahresniederschlägen von 1 460 mm (Trockenzeit im Winter); das Klima ist warmgemäßigt, die Vegetation der Campos cerrados herrscht vor. Der Süden schließlich hat subtropisches, feuchtgemäßigtes Klima, das (bei etwas höheren Temperaturen) demjenigen Mitteleuropas ähnlich ist. Es herrscht ein Jahreszeitenklima mit Temperaturen zwischen 14 ºC und 23 ºC und gelegentlichen Schneefällen; die Jahresniederschläge liegen hier bei 1 330 mm. Der Süden ist das traditionelle Gebiet der großen Plantagen und Viehzuchtbetriebe, mit Höhengrasländern (Campos limpos) und immergrünen Nadelwäldern (v. a. aus Araukarien).
 
 
Die heutige Bevölkerung, in der die latent vorhandenen Rassenprobleme eher sozialer Art sind, ist (nach statistischen Angaben) aus etwa 54 % Weißen, 40 % Mischlingen, 5 % Schwarzen, 0,2 % indigener Bevölkerung und 0,5 % Asiaten zusammengesetzt; in Wirklichkeit überwiegen die Mischlinge. Die indigenen Völker (noch etwa 200 000-250 000) leben in kleinen Gruppen v. a. im Amazonasgebiet (südamerikanische Indianer). Eingewandert sind seit Beginn der Kolonialzeit ständig Portugiesen. Seit Ende des 16. Jahrhunderts wurden 3-4 Mio. schwarzafrikanische Sklaven ins Land gebracht, sodass um 1800 etwa die Hälfte der Bevölkerung Schwarze waren; von 1821-50 wurden nochmals rd. 1,5 Mio. Sklaven ins Land gebracht. Im 19. Jahrhundert kam es erneut zu lebhafter Einwanderung, zunächst von Deutschen, die mit den besonders von 1886-1905 eingewanderten Italienern (1818-1963: 1,63 Mio.) an der wirtschaftlichen Erschließung des Südens führenden Anteil hatten (Blumenau), dann von Polen u. a. Menschen aus dem östlichen Mitteleuropa, von Arabern (Syrern und Libanesen) sowie von Japanern. Die Einwanderung (1818-1963 insgesamt über 5,5 Mio. Menschen, davon 310 000 Deutsche) ist stark zurückgegangen.
 
Die Bevölkerung wuchs in den 90er-Jahren jährlich um etwa 1,4 %; hatte sie sich von 1955 bis 1985 noch verdoppelt, so nahm sie bis 1991 nur noch um 12,7 % zu. Damit bestätigt sich die rückläufige Tendenz des Bevölkerungswachstums. Es sank von jährlich 2,8 % in den 60er- Jahren auf 2,4 % in den 70er- und 1,9 % in den 80er- Jahren. Die Geburtenrate (25 ‰) zeigt deutliche Unterschiede zwischen Stadt und Land sowie zwischen den einzelnen Regionen (Rio de Janeiro 25 ‰, im ländlichen Nordosten 48 ‰). In der Altersstruktur überwiegen die Gruppen unter 20 Jahren (1991: 46,1 %).
 
Die durchschnittliche Bevölkerungsdichte ist mit 20 Einwohner je km2 gering, doch ist die Verteilung sehr ungleichmäßig. In den Küstenstaaten einschließlich Minas Gerais leben auf 36 % der Fläche rd. 87 % der Gesamtbevölkerung; die höchste Bevölkerungsdichte haben die Staaten Rio de Janeiro und São Paulo sowie im Nordosten der Küstenstreifen von Pernambuco und Paraíba. Weite Gebiete des inneren Hochlands sind dagegen fast menschenleer, in Amazonien leben nur 7 % der Gesamtbevölkerung Der Anteil der städtischen Bevölkerung nahm zwischen 1960 und 1998 von 45 % auf 80 % zu.
 
Zwischen der Oberschicht der Großgrundbesitzer und Unternehmer sowie dem ständig wachsenden Proletariat, das am Rand der Großstädte in Elendsquartieren (Favelas) lebt (was die Gefahr sozialer Unruhen mit sich bringt), entwickelt sich erst allmählich ein Mittelstand (Unternehmer im landwirtschaftlichen Bereich, kleine Kaufleute und Handwerker, Facharbeiter, v. a. Angestellte im sekundären und tertiären Sektor), besonders schnell im Südosten. Ein starkes Sozialgefälle besteht außerdem zwischen dem hoch industrialisierten Südosten und dem Nordosten, der zu den ärmsten Gebieten Lateinamerikas gehört.
 
 
Die Religionsfreiheit ist gesetzlich geschützt. Eine Staatsreligion besteht nicht. Traditionell hat jedoch die katholische Kirche als Glaubensgemeinschaft, der rd. 80 % der Bevölkerung angehören, eine besondere Stellung. Rd. 18 % (mit wachsender Tendenz) gehören verschiedenen protestantischen Kirchen an (neben Pfingstkirchen besonders Baptisten und Lutheraner). Seit den 1950er-Jahren sind die Pfingstkirchen (1996 rd. 15 Mio. Mitglieder), darunter die mit rd. 8 Mio. Mitgliedern größte Pfingstkirche Lateinamerikas (»Assembléias de Deus do Brasil«), die am stärksten wachsende christliche Gemeinschaft Brasiliens, der (geschätzt) etwa zwei Drittel aller Protestanten angehören. Innerhalb der katholischen Kirche bilden die unter den armen Bevölkerungsschichten in ländlichen Regionen und den städtischen Favelas tätigen rd. 70 000 Basisgemeinden eine besondere Organisationsform des kirchlichen Lebens. Kleinere christliche Gemeinschaften bilden die orthodoxen Einwanderergemeinden (über 100 000) und die (1991) rd. 70 000 Mitglieder der anglikanischen Kirche (Provinz Brasilien). Die jüdische Gemeinschaft zählt rd. 100 000 Mitglieder. Daneben gibt es religiöse Minderheiten der Muslime, Buddhisten und Bahais. Eine Besonderheit des religiösen Lebens sind die in ganz Brasilien verbreiteten afrobrasilianischen Religionen (Umbanda, Candomblé, Macumba), an deren (beziehungsweise an einzelnen ihrer) kulturellen Handlungen nach verschiedenen Schätzungen zwischen 20 und 40 % der Brasilianer teilnehmen (bei gleichzeitiger Mitgliedschaft in einer christlichen Kirche). Eine weitere religiöse Besonderheit bildet der europäische Spiritismus (Kardecismus) mit mehreren Mio. Anhängern v. a. in der gesellschaftlichen Mittel- und Oberschicht. Die vorkolonialen indianischen Religionen haben sich (partiell) unter der indigenen Bevölkerung erhalten.
 
 
Das Bildungswesen untersteht dem Bundeserziehungsministerium; Privatschulen werden hauptsächlich von der katholischen Kirche finanziert. Das Schulwesen beruht auf einem Gesetz von 1971; seitdem bestehen achtklassige Primarschulen, die überwiegend staatlich und unentgeltlich, aber im ländlichen Bereich stark unterbesetzt sind, und vierklassige Sekundarschulen allgemeiner und beruflicher Art, von denen etwa die Hälfte privat getragen werden. Brasilien hat 83 Universitäten, von denen etwa 25 % der katholischen Kirche unterstehen. Die Analphabetenquote beträgt 16 %.
 
 
Presse: Es gibt keine landesweit verbreiteten Zeitungen, was seine Ursachen u. a. in der hohen Analphabetenquote und den hohen Distributionskosten hat. Bezogen auf die Bevölkerungszahlen sind die Auflagen der regionalen Tageszeitungen relativ gering. Die höchsten erreichen »Fôlha de São Paulo« (408 000), das Kaufblatt »O Globo« (320 000) aus dem größten Mehrmedienunternehmen des Landes, der OGLOBO Empresa Jornalistica Brasileira Ltda., »O Estado de São Paulo« (242 000) und das Kaufblatt »O Dia« (207 000). - Die meisten Presseverlage betreiben ihre eigenen Nachrichtenbüros, die mit ausländischen Agenturen im Austausch stehen.
 
Viele Rundfunkgesellschaften gehören zu Mehrmedienunternehmen, die Zeitungen, Zeitschriften, Hörfunk- und Fernsehprogramme anbieten. In Brasilien werden von staatlichen und privaten Rundfunkgesellschaften rund 3 000 Radiostationen und etwa 250 Fernsehsender betrieben. Die staatlichen Rundfunkbetriebe arbeiten als »Empresa Brasileira de Comunicacão« (RADIOBRÁS), Sitz Brasília, zusammen. Die privaten Rundfunkunternehmen haben die Arbeitsgemeinschaft »Associação Brasileira de Emissoras de Rádio e Televisão« (ABERT), mit Sitz in Brasília, gebildet. Seit 1988 betreibt die Regierung die Privatisierung einiger staatlichen Anstalten.
 
 Wirtschaft und Verkehr:
 
 
Brasilien hat den höchsten Industrialisierungsgrad aller lateinamerikanischen Volkswirtschaften. In Verbindung mit den vielfältigen und reichlich vorhandenen Bodenschätzen kann Brasilien als typisches Schwellenland bezeichnet werden. Das Bruttosozialprodukt (BSP) je Einwohner lag 1994 nach Rechnung der Weltbank bei 3 370 US-$.
 
Die Wirtschaftslage Brasiliens war Mitte der 1990er-Jahre durch verschiedene Anzeichen eines Wendepunkts gekennzeichnet. Nachdem staatlich geförderte sukzessive Wellen der Importsubstitution seit den 30er-Jahren die inländische Industrieproduktion angekurbelt hatten, kam es in den 80er-Jahren zum Zusammenbruch dieses Wachstumsmodells, als infolge der Verschuldungskrise die externe Finanzierung ausblieb und der Staat im Zuge der Strukturanpassung die Subventionen kürzte. In dieser »verlorenen Dekade« ging der BSP-Beitrag des Industriesektors von 41 % (1980) auf 38 % (1990) zurück. Einen neuen Kurs begann 1990 Präsident F. Collor de Mello mit der Politik der Deregulierung, Liberalisierung und Privatisierung; Nachfolger I. Franco (1992-94) setzte diese Orientierung fort und konsolidierte sie 1994 mit der Verabschiedung eines erstmals erfolgreichen wirtschaftlichen Stabilisierungsprogramms (»Plano Real«). Nach Jahrzehnten hoher und zudem steigender Inflationsraten bei stark schwankenden BSP-Wachstumsraten gelang ab Juli 1994 mit einer Währungs- und Wechselkursreform eine schlagartige Reduzierung des Verbraucherpreisindexes von monatlich 48,2 % (Juni) auf 7,7 % (Juli) und weiter auf 1,7 % (Dezember 1994), zunächst ohne Drosselung der Wirtschaftswachstumsrate. Angelockt durch die extreme Hochzinspolitik, strömte das größtenteils kurzfristige Auslandskapital ins Land und erlaubte so der Zentralbank, dank hoher Währungsreserven (Februar 1996: 53 Mrd. US-$) den Kurs der neuen Währung »Real« gegenüber dem Dollar relativ stabil und zudem überbewertet zu halten. Durch eine drastische Importöffnung wurde der bis dahin jahrzehntelang zollgeschützte Binnenmarkt abrupt dem internationalen Wettbewerb ausgesetzt, was ebenfalls inflationsdämpfend wirkte. Die dramatische Verschlechterung der Außenhandelsbilanz Ende 1994 zwang die Regierung zu einer noch schärferen Hochzins- und zu einer flexibleren Wechselkurspolitik. Damit erhielt die 1993 (nach einer dreijährigen Rezession) eingeleitete Aufschwungphase einen Tendenzknick, und die Wachstumsraten gingen von (1993) 4,2 % beziehungsweise (1994) 5,8 % auf 4,9 % zurück; dabei konnte die Industrieproduktion mit 6,8 %, 6,9 % und 5,1 % an das überdurchschnittliche Wachstum der Vergangenheit wieder anknüpfen. Unter F. H. Cardoso (1993-94 Wirtschaftsminister, seit 1995 Staatspräsident) wurden mit dem »Plano Real« umfangreiche neoliberale Reformen eingeleitet. Im außenwirtschaftlichen Sektor war es Brasilien gelungen, durch die langfristige Umschuldung der Verbindlichkeiten gegenüber dem »Pariser Klub« 1992 sowie gegenüber den internationalen Geschäftsbanken im Rahmen des »Brady-Planes« 1994 das akute Problem der Auslandsverschuldung zu entschärfen. Auch hier konnte eine Wende vollzogen werden, da Brasilien vom Nettokapitalexporteur der 80er-Jahre zum Nettokapitalimporteur wurde (1992: 24,7 Mrd. US-$). Schattenseiten dieser Entwicklung sind einerseits die erhöhte Verwundbarkeit gegenüber dem Auslandskapital (externe Schuld) und die Verschärfung der sozialen Lage infolge von Rezession und Einkommenskonzentration (soziale Schuld). Mit Auslandsverbindlichkeiten von 148,295 Mrd. US-$ (davon 87,33 Mrd. US-$ staatliche Schuld) bleibt Brasilien neben Mexiko das am meisten verschuldete Entwicklungsland (Stand: 1994), und der Schuldendienst (Tilgungen: 10,99 Mrd. US-$; Zinsen: 6,4 Mrd. US-$) stieg 1994 wieder auf 38 % der Exporterlöse. Die rezessiven Folgen der Hochzinspolitik stellten Unternehmen und Arbeitnehmer unter Druck; Arbeitslosigkeit wird zumeist durch den »informellen Sektor« abgepuffert. Streiks in öffentlichen Unternehmen (Petrobrás) begegnete die Regierung mit unnachgiebiger Härte.
 
 
Die Bedeutung der Landwirtschaft nimmt seit dem Zweiten Weltkrieg ab. Ihr Anteil am BSP ging von (1949) 23 % auf (1993) rd. 10,3 % zurück; der Anteil der in ihr Beschäftigten reduzierte sich im gleichen Zeitraum von zwei Dritteln auf 22 %. Das Produktionspotenzial der Landwirtschaft ist sehr groß. Die Gesamtfläche der 5,8 Mio. landwirtschaftlichen Betriebe umfasst mit 375 Mio. ha rd. 45 % des brasilianischen Territoriums; der Rest ist Staatsland, landwirtschaftlich nicht genutzt (v. a. im Amazonasgebiet) oder nicht nutzbar. Auf Ackerland entfallen 16,8 % der landwirtschaftlichen Betriebsfläche (2,6 % Dauerkulturen, 14,2 % einjährige Feldfrüchte), auf Weideflächen 48 % (28 % Naturweiden, 20 % gepflanzte Weiden), während 24 % noch bewaldet und 11,2 % nicht genutzt beziehungsweise nicht nutzbar sind. Die Bewässerungsflächen haben sich seit 1972 auf 2,8 Mio. ha annähernd verdreifacht, nicht zuletzt dank öffentlicher Förderprogramme. Unter dem Druck von Bevölkerungswachstum und Auslandsverschuldung förderte die Regierung die Ausweitung der Betriebsflächen (zwischen 1970 und 1985 um 22 % oder 0,8 Mio. km²) auch auf das Amazonastiefland, auf die Feuchtsavannen des zentralbrasilianischen Hochlandes und auf die Bewässerungsgebiete des semiariden Nordostens. Im Zuge der Exportorientierung in den 70er-Jahren sowie als Folge der Verschuldungskrise in den 80er-Jahren förderte der Staat gezielt den Anbau bestimmter Export- (Soja) oder Importsubstitutionskulturen (Weizen, Zuckerrohr zur Herstellung von Alkohol als Erdölersatz). Zeitweise verdrängten diese Cash crops (Monokulturen) den Anbau von Nahrungskulturen derart, dass der Produktionszuwachs von Grundnahrungsmitteln mit dem Bevölkerungswachstum nicht Schritt hielt. Nahrungsmittelimporte mussten teilweise stark angehoben werden (1970: 100 Mio. US-$, 1980: 1,2 Mrd. US-$, 1994: 2,03 Mrd. US-$). Die Mechanisierung der (Export-)Kulturen setzte Arbeitskräfte frei, die durch Abwanderung in die Städte das Arbeitslosen- sowie durch Ansiedlung in den Regenwald- und Feuchtsavannengebieten das Umweltproblem verstärkten beziehungsweise erst schufen. Längst verdrängten Sojabohnen und -derivate den Kaffee als wichtigstes Exportprodukt. Mit (1995) 25,7 Mio. t ist Brasilien drittgrößter Sojaproduzent, und als Exporteur von Sojabohnen, -kleie und -öl (1994: 4,1 Mrd. US-$) nimmt Brasilien weltweit die 2. Stelle ein; für diese Exportkultur werden 20 % der gesamten Anbaufläche genutzt. Die Kaffeeausfuhren erbrachten dagegen nur 2,6 Mrd. US-$. Trotzdem behielt Brasilien mit einer Produktion von 2,6 Mio. t (Export: 0,8 Mio. t) auch bei Kaffee 1994 weltweit eine führende Position. Ähnliches gilt für die Produktion von Zuckerrohr (1990/91: 262,792 Mio. t), Orangen (1995: 93,481 Mio. t), Maniok (1995: 25,884 Mio. t), Sisal (1995: 0,136 Mio. t) und sonstigen Früchten (1990: 30,078 Mio. t); den 2. Rang belegt Brasilien auch als Produzent von Bananen (1992: 5,5 Mio. t), Bohnen (1992: 2,941 Mio. t) und Kakao (trotz Produktionsrückgang auf 0,287 Mio. t ); den 3. Rang nimmt Brasilien bei der Produktion von Mais (1990: 26 Mio. t, 21 % der gesamten Anbaufläche Brasiliens) ein. Lang anhaltende Dürreperioden in den nordöstlichen Regionen des Landes, Überschwemmungen infolge starker Regenfälle sowie Frosteinbrüche im Süden führen immer wieder zu großen Ernteausfällen.
 
Die Viehwirtschaft wird meist extensiv auf großen Weideländereien betrieben. Erheblich ausgeweitet wurden in den letzten Jahren die Fleischproduktion und -ausfuhr. Wichtig für den Export sind v. a. Geflügel (1994: 609 Mio. US-$) sowie frisches beziehungsweise industriell verarbeitetes Rindfleisch (1994: 268 beziehungsweise 287 Mio. US-$) und Rinderhäute (1994: 459 Mio. US-$). Mit 140 Mio. Rindern hat Brasilien weltweit die zweitgrößte Viehherde, und mit einer Fleisch- beziehungsweise Geflügelproduktion von 6,34 Mio. t avancierte es 1992 zum viertgrößten Fleisch- und Geflügelproduzenten.
 
Die Agrarstruktur ist durch die Diskrepanz zwischen sehr wenigen Großbetrieben und relativ vielen Kleinbetrieben gekennzeichnet: Nur 10 % aller Betriebe sind größer als 100 ha, aber auf sie entfallen etwa 80 % der gesamten Betriebsfläche, und der Konzentrationsprozess hält unvermindert an. Allein zwischen 1970 und 1985 ist die Fläche der Großbetriebe über 1 000 ha um 42 % angewachsen. Dem stehen offiziellen Schätzungen zufolge mindestens 4,8 Mio. landlose Familien gegenüber.
 
 
Der Anteil der Wälder an der Gesamtfläche beläuft sich mit 3,8 Mio. km2 auf etwa 45 % der Landesfläche. Fast 80 % der Wälder zählen zu den tropischen Tieflandregenwäldern des Amazonasgebietes, wo über 4 000 Baumarten vertreten sind, von denen jedoch nur 5 % (darunter Mahagoni) holzwirtschaftlich verwertet werden. Der größte Teil der Holzgewinnung erfolgt in den (bereits weitgehend zerstörten) Wäldern der südlichen Bundesstaaten, da in Amazonien die sehr große Streuung der Spezies (maximal 3-4 Edelholzstämme pro ha) eine rationelle Holzgewinnung in der Region unrentabel macht; Ausnahmen bilden die Teilregionen von Rondônia, Mato Grosso und Süd-Pará sowie einige Spezies wie Mahagoni u. a. Die Vernichtung der Regenwälder Amazoniens geschieht nicht aus holzwirtschaftlichen Motiven heraus, sondern wegen der angestrebten ökonomischen »Inwertsetzung« der Region (landwirtschaftliche, mineralische und industrielle Erschließung). Der Holzeinschlag belief sich (1989) auf 111,9 Mio. m3 Rundholz (davon 32,1 Mio. m3 für Papier und Cellulose) und 140 Mio. m3 Brennholz. In der Produktion von Cellulose belegt Brasilien mit (1994) 2,3 Mio. t weltweit den 4. Rang. Die Exporte von Sägeholz, Furnierplatten, Holzpaste u. Ä. erbrachten 1994 Devisen in Höhe von 1,581 Mio. US-$.
 
 
Trotz guter natürlichen Voraussetzungen und der Ausdehnung der Hoheitsgewässer auf 200 Seemeilen (1970) hat die Fischerei mit einer Produktion von (1989) 799 000 t nur eine geringe wirtschaftliche Bedeutung, wenn auch Fischexporte mit immerhin (1994) 153,5 Mio. US-$ zu Buche schlugen.
 
 
Brasilien besitzt viele Bodenschätze, die erst zu einem geringen Teil erschlossen sind; v. a. im Amazonasbecken wurden reiche Lagerstätten entdeckt. Die Weiträumigkeit des Landes und die immer noch unzureichende Verkehrserschließung stehen einer raschen Nutzung entgegen. Die Erschließung erstreckt sich auf insgesamt 67 mineralische Rohstoffe, v. a. auf Zinnerz, Eisenerz, Gold, Manganerz, Bauxit, Chrom, Diamanten, Tungstenit, Erdöl, Erdgas und Kalkstein. Erdöl (70 % aus Offshorebohrungen in Höhe von Rio de Janeiro) liegt mit 53 % des Produktionswertes im Bergbau wertmäßig an 1. Stelle. Die Erdölproduktion (713 000 barrels/Tag) deckt gegenwärtig (1995) rd. 55 % des Verbrauchs (1980: 17 %). Die Eisenerzvorkommen zählen zu den größten der Erde. Sie liegen hauptsächlich in den Bundesstaaten Minas Gerais, Pará und Mato Grosso, die bisher größten bekannt gewordenen Vorkommen (18 Mrd. t Hämatit, Fe-Gehalt 66 %) in der Serra dos Carajás, im nördlichen Bundesstaat Pará. Brasilien ist mit (1994) 166,5 Mio. t weltweit zweitgrößter Förderer von Eisenerz; 1994 lag die Rohstahlproduktion bei 124,8 Mio. t, wovon 99,2 Mio. t ausgeführt wurden. Mit (1994) 125 Mio. t ist Brasilien weltweit führender Eisenerzexporteur. Bauxit wird im Bundesstaat Minas Gerais und seit einigen Jahren am Rio Trombetas, einem nördlichen Nebenfluss des Amazonas, abgebaut (1992: 7,9 Mio. t; weltweit 4. Stelle); allein das Trombetas-Vorkommen beträgt über 5 Mrd. t. 1984 wurde nahe der Stadt São Luís, Maranhão, mit der Produktion von Aluminiumoxid und Aluminiumbarren begonnen; in Barcarena (Pará) wurde 1995 ein weiteres Aluminiumwerk in Betrieb genommen. Brasilien ist 1988 weltweit größter Zinnproduzent geworden (mit 50 200 t). Die Kupferproduktion belief sich 1993 auf 43 568 t (Metallgehalt); die Importe von Kupfer und Kupfernebenprodukten betrugen (1994) 107 463 t; bei der Kupfererzverhüttung (21 913 t) werden Gold, Silber, Selen und Nickel gewonnen. Die Kupfererzvorkommen von Serra dos Carajás belaufen sich auf 1,2 Mrd. t. Die offizielle Goldproduktion betrug (1989) 54 513 t, die Förderung erfolgte hauptsächlich in Mato Grosso, Pará und Minas Gerais; die Bruttovorkommen werden offiziell mit (1988) 1,157 Mio. t beziffert. Brasilien ist arm an Steinkohle und musste (1994) 13,582 Mio. t einführen, mehr als 90 % des Verbrauchs. Intensive Erkundungen führten zur Entdeckung umfangreicher Uranerzlagerstätten: geschätzte Reserven 300 000 t (weltweit 6. Stelle); abgebaut wurden (1984) 117 t Uranerz. Auch bei Chrom, Blei, Nickel, Titan, Wolfram, Beryll, Zirkonium, Thorium (aus Monazitsanden der Ostküste), Bergkristall, Graphit, Glimmer sowie Rohphosphaten besitzt Brasilien bedeutende Vorkommen.
 
 
Die installierte Kraftwerkskapazität hat sich zwischen 1962 und 1992 nahezu verzehnfacht und erreichte (1993) 59 445 MW (davon 91 % Wasserkraft und 9 % Wärmekraft). Das Wasserkraftpotenzial wird auf 255 000 MW geschätzt, 41 % davon jedoch im Amazonasgebiet, wo das geringe Gefälle die Überflutung von riesigen Regenwaldflächen erforderlich machen würde; die für die Region bis zum Jahr 2010 geplanten 79 Wasserkraftwerke würden für die Erzeugung von 87 000 MW 100 000 km2 Regenwald überfluten; doch aufgrund des regionalen, nationalen und internationalen Widerstandes haben die internationalen Kreditgeber eine äußerst restriktive Haltung eingenommen. Das Paraná-Becken, auf das 23 % des gesamten noch ungenutzten Wasserkraftpotenzials entfielen, ist heute bereits zu 62 % ausgenutzt (Itaipú allein: 12 600 MW).
 
1982 wurde das erste brasilianische Kernkraftwerk (Westinghouse) mit einer installierten Leistung von 626 MW in Betrieb genommen; für zwei weitere, im Rahmen des deutsch-brasilianischen Abkommens im Bau befindlichen Kernkraftwerke (Angra II und III) wird die Fertigstellung für 1998 beziehungsweise nicht vor der Jahrtausendwende erwartet. Im Mittelpunkt der Energiepolitik stehen Anstrengungen, sich von der Importabhängigkeit bei Erdöl zu lösen. Zentren der heimischen Erdölförderung (1993: 50 421 m3) sind die Bucht von Bahia, Tucano sowie Carmópolis und die Offshoregebiete vor Rio de Janeiro. Im Amazonasbecken entdeckte Erdgasreserven lassen sich erst nach dem Bau einer Ferngasleitung nach Manaus nutzen; 1993 wurde mit Bolivien ein Abkommen über Erdgaslieferungen unterzeichnet.
 
Mit dem 1975 begonnenen Proálcool-Programm sollte eine weitgehende Ablösung von Benzin als Motortreibstoff erreicht werden. Ende der 80er-Jahre war der Anteil von Alkoholmotoren bei der Pkw-Produktion bereits auf 90 % angestiegen, und die Alkoholproduktion erreichte 12 Mrd. l jährlich. Mit dem Anstieg der Weltmarktpreise für Zucker 1989/90 wurde mehr Zucker ausgeführt und weniger Alkohol hergestellt; zusätzlich gingen die staatlichen Subventionen (Äthanol wäre erst bei einem Ölpreis von 62 US-$/barrel konkurrenzfähig) zurück. 1995 wurden kaum noch Alkoholmotoren hergestellt, aber die Regierung sucht nach einem Neubeginn für das Alkoholprogramm.
 
 
Auf das produzierende Gewerbe entfielen (1993) 37 % des BIP. Dieser relativ hohe Anteilswert ist das Ergebnis einer seit über 30 Jahren konsequent verfolgten staatlichen Entwicklungsstrategie u. a. mithilfe ausländischer Direktinvestitionen (Gesamtbestand 1995: 47,028 Mrd. US-$). Nach dem Aufbau traditioneller Industriegüterbranchen (v. a. Verarbeitung von Agrarprodukten und Holz) kamen in den 1950er-Jahren im Rahmen einer Politik der Importsubstitution vermehrt Anlagen zur Produktion langlebiger Konsumgüter sowie Einrichtungen der Schwerindustrie (Eisenerzverhüttung) hinzu - teilweise durch Gründung von Staatsunternehmen. Die Abschottung der nationalen Industrie für Zwecke der Importsubstitution führte zum zunehmenden Verlust internationaler Wettbewerbsfähigkeit, zur Bildung oligopolartiger Marktmacht und zu strukturellen Inflationstendenzen. Ab Mitte der 60er-Jahre wurden primär Kapitalgüter-, ab Mitte der 70er-Jahre Zwischengüterindustrien (Erdöl- und Chlorchemie usw.) eingerichtet. Fahrzeug- und Maschinenbau, Elektrotechnik, Metallverarbeitung sowie die chemische Industrie tragen heute den industriellen Wachstumsprozess. Brasilien ist inzwischen mit (1994) 25,709 Mio. t Rohstahl und 25,022 Mio. t Roheisen der führende Eisen- und Stahlproduzent und mit 1 246 901 Pkw und 336 600 Nutzfahrzeugen auch größter Kraftfahrzeughersteller der Dritten Welt. Nachdem Brasilien Mitte der 80er-Jahre zum weltweit drittgrößten Hersteller von Handelsschiffen und zum fünftgrößten Rüstungsexporteur aufgestiegen war, schrumpften diese Zweige infolge des verstärkten internationalen Wettbewerbs erheblich zusammen. Schon Ende der 70er-Jahre konnte Brasilien etwa 80 % der gesamten Kapitalgüternachfrage aus heimischer Produktion decken. Staatliche Interventionen zur Industrialisierung des Landes führten zur Gründung zahlreicher staatlicher Großunternehmen; im Zuge der Privatisierungsstrategie verkauften die Regierung Collor de Mello und Franco Anfang der 90er-Jahre den gesamten staatlichen Stahlbereich an Privatinvestoren; unter Cardoso sollen ferner die staatlichen Restanteile am Chemiebereich sowie die große Bergbaugesellschaft CVRD (zu 51 % noch in Staatsbesitz) privatisiert werden. Das verarbeitende Gewerbe konzentrierte sich auf die Region Südost; auf die Bundesstaaten São Paulo, Minas Gerais und Rio de Janeiro entfielen (1991) knapp 76 % der Gesamtproduktion, 68 % der Industriebeschäftigten, 70 % des Stromverbrauchs und zwei Drittel des Pkw-Bestandes Brasiliens. Von 1965-80 wuchs die brasilianische Volkswirtschaft im Vergleich zur Weltwirtschaft überdurchschnittlich. Insbesondere die Industrie wuchs jährlich um durchschnittlich 10,1 %, während es die Landwirtschaft immerhin auf 3,8 % brachte. Begleiterscheinungen dieser Entwicklung waren die zunehmende Einkommenskonzentration (10 % der Einwohner verfügen über mehr als 50 % des Volkseinkommens), die regionale Konzentration der Industrie, die zunehmende Konzentration des sich modernisierenden Großgrundbesitzes und die mit diesen Konzentrationsprozessen einhergehenden Bevölkerungswanderungen in die Metropolregionen, in die Regenwaldgebiete Amazoniens und in die Feuchtsavannen des Zentralwestens. In den 80er-Jahren (1980-91) verlangsamte sich das Wachstum des Industriesektors auf lediglich 1,7 %, das der Landwirtschaft auf 2,6 %.
 
 
Der Dienstleistungssektor verminderte in den 70er-Jahren seinen BSP-Anteil auf (1980) 42 %, um im Verlauf der 80er-Jahre dank eines erneut überdurchschnittlichen Wachstums wieder auf 46 % anzusteigen. Hierin spiegeln sich typische Dritte-Welt-Verzerrungen wider, wobei dem Dienstleistungssektor eine beschäftigungspolitische Pufferfunktion mit der Folge einer unterdurchschnittlichen Arbeitsproduktivität zukommt.
 
 
Das Gesamtvolumen des Außenhandels erreichte (1995) einen bisherigen Rekordumfang von 96,169 Mrd. US-$ (Rekord von 1981: 48,8 Mrd.), v. a. aufgrund der drastischen Importöffnungsmaßnahmen des Jahres 1994. Trotz der Gegenmaßnahmen von 1995 (Anhebung der Zollsätze auf 70 % und zeitweise Einführung von Importquoten für Autos und zahlreiche andere Luxusgüter) führten die überdurchschnittlichen Importwachstumsraten 1995 (Konsumgüter: 95 %; Automobile: 197 %; Kapitalgüter: 63 % und Rohstoffe: 55 %) zu einer erstmaligen Passivierung des Außenhandels seit 1983. Der Negativsaldo betrug (1995) 3,157 Mrd. US-$. Hauptausfuhrprodukte waren 1994 Brennstoffe, Industrieerzeugnisse, Nahrungsmittel, Mineralien und Metalle, v. a. Eisen- und Manganerze sowie Benzin. An den Nahrungsmittelexporten sind in erster Linie Soja mit 31,7 % sowie Kaffee mit 19,6 % beteiligt. Weitere wichtige Ausfuhrprodukte sind Maschinen und Fahrzeuge sowie Metallwaren. Bei den Einfuhren dominieren mineralische Brennstoffe, chemische Produkte und v. a. Kapitalgüter. Mit dieser Außenhandelsstruktur ähnelt Brasiliens Profil immer mehr dem eines Industrielandes. Wichtigste Handelspartner sind die EU-Länder mit 27,1 % bei den brasilianischen Ausfuhren und 25,9 % bei den Einfuhren, gefolgt von den lateinamerikanischen ALADI-Mitgliedsländern mit 22,4 % bei den Aus- und 19,3 % bei den Einfuhren sowie von den USA mit 20,6 % bei den Aus- und 23,2 % bei den Einfuhren.
 
Verkehr:
 
Wichtigster Pfeiler des Verkehrssystems ist der Straßenverkehr, der durch natürliche Gegebenheiten (z. B. tropisches Klima mit starken Regenfällen) erheblich erschwert wird, zumal von dem (1990) 1,506 Mio. km langen Straßennetz nur 139 415 km oder 9,2 % asphaltiert sind. Im Süden und Südosten, in Teilen des Ostens sowie im Nordosten gibt es ein dichtes Straßennetz. Die größte Bedeutung kommt den asphaltierten Fernstraßen zu, die von Rio de Janeiro und São Paulo ausgehen und die Brasília mit den einzelnen Landesteilen verbinden, sowie den Fernstraßen, die Amazonien erschließen. Im öffentlichen Personenverkehr nehmen die Linienbusse eine besondere Rolle ein. Die Leistungsfähigkeit des Eisenbahnnetzes (1990: 30 129 km, davon 22 029 im Besitz der bundeseigenen Rede Ferroviária Federal S. A.) ist unbefriedigend, v. a. wegen wechselnder Spurweiten und des schlechten Zustandes vieler veralteter Anlagen. 1985 wurde die 890 km lange Strecke zwischen den Lagerstätten in der Serra dos Carajás und dem Hafen Ponta da Madeira bei São Luís mit einer jährlichen Transportkapazität von 25 Mio. t in Betrieb genommen. Obwohl Brasilien über rd. 52 000 km schiffbarer Binnenwasserstraßen verfügt, ist die Binnenschifffahrt nur wenig entwickelt; die Aufhebung des bis 1995 verfassungsmäßig verankerten Staatsmonopols an der Binnenschifffahrt wird vielfach als viel versprechender Ansatz angesehen. Dagegen kommt der Seeschifffahrt im Außenhandel eine überragende Bedeutung zu. Brasilien ist die führende Schifffahrtsnation Südamerikas. Das Luftverkehrsnetz erstreckt sich über das ganze Land. Größte nationale Fluggesellschaft ist die VARIG S. A. (Viação Aérea Rio-Grandense). Größte internationale Flughäfen sind die Flughäfen von São Paulo (Guarulhos, eröffnet 1985), Rio de Janeiro (Galeão) und Brasília. Mit 126 Flughäfen steht Brasilien weltweit an 3. Stelle.
 
 
Zur Vorgeschichte Südamerika, Vorgeschichte.
 
 
Der Portugiese P. A. Cabral erreichte am 22. 4. 1500 in der Nähe des späteren Bahia die brasilianische Küste und nahm sie am 1. 5. für Portugal in Besitz. Anfangs nutzten die Portugiesen Brasilien nur als Stützpunkt und zur Gewinnung des rot färbenden Brasilholzes, das dem Land seinen Namen gab. Um den Kolonialbesitz vor dem Zugriff anderer Mächte zu schützen, entschloss sich König Johann III. zur systematischen Besiedlung und entsandte Martim Afonso de Sousa (* 1500, ✝ 1564), der 1532 São Vicente gründete. Danach suchte die Krone die Kolonisation mithilfe privater Initiativen voranzutreiben und verlieh das in 15 Gebietsstreifen (portugiesisch capitanias, »Kapitanate«) eingeteilte Land mit lehnsherrlichen Rechten an Personen adeliger Herkunft (portugiesisch donatários, »Beschenkte«). Da die Kolonisation unter den Donatários stagnierte, kam 1549 Tomé de Sousa (* 1503, ✝ 1579) als königlicher Generalgouverneur nach Brasilien und gründete São Salvador do Bahia (heute Salvador), wo die portugiesische Kolonialverwaltung dann bis 1763 ihren Sitz hatte. Bei der Besiedlung der Küstenzonen wurden die kriegerischen Indianer versklavt oder ins Landesinnere verdrängt, wo viele von ihnen Opfer der Sklavenjagden der berüchtigten Bandeirantes von São Paulo wurden. Durch diese Raubzüge wurde der portugiesische Machtbereich weit über die im Vertrag von Tordesillas (1494) festgelegte Grenze zur spanischen Kolonisationszone hinaus ausgedehnt. Die Personalunion zwischen Portugal und Spanien (1580-1640) setzte Brasilien den Angriffen der Niederländer aus, die 1630 Pernambuco eroberten. Unter Johann Moritz von Nassau, 1636-44 Generalgouverneur der westindischen Handelskompanie in Brasilien, erreichte der niederländische Kolonialbesitz in Brasilien seine größte Ausdehnung, bevor es 1654 zur endgültigen Vertreibung der Niederländer kam. An der Südgrenze Brasiliens, am Río de la Plata, umkämpften Spanien und Portugal das Gebiet des heutigen Uruguay. Im Vertrag von Madrid (1750, bestätigt 1777 im Vertrag von San Ildefonso) wurden die Grenzen des modernen Brasilien festgelegt. Die wirtschaftliche Erschließung des Landes beschränkte sich zunächst auf den Anbau tropischer Nutzpflanzen wie Zuckerrohr und Baumwolle durch die ins Land gebrachten Negersklaven. Gold wurde 1695 von Bandeirantes in Minas Gerais, dann in Mato Grosso (1719) und Goiás (1723) gefunden. Seit 1730 wurden auch große Diamantenvorkommen entdeckt. Der portugiesische Staatsmann Pombal setzte in der 2. Hälfte des 18. Jahrhunderts zahlreiche Reformen ins Werk, um Verwaltung, Wirtschaft und Verteidigung Brasiliens zu verbessern. Durch die Verlegung der Hauptstadt nach Rio de Janeiro 1763 trug man der gestiegenen Bedeutung des Südens Rechnung.
 
 
Als der portugiesische Hof vor den napoleonischen Truppen 1807 nach Brasilien flüchtete, wurde Rio de Janeiro vorübergehend die Hauptstadt des portugiesischen Reiches. Die liberale Revolution von 1820 nötigte Johann VI. zur Rückkehr nach Lissabon, während sein Sohn Peter (Pedro) als Regent in Brasilien zurückblieb. Als die verfassunggebenden Cortes in Lissabon Brasilien in eine Kolonie zurückverwandeln wollten, stellte er sich unter dem Einfluss der Brüder Andrada e Silva an die Spitze der Unabhängigkeitsbewegung. Auf der Höhe von Ipiranga bei São Paulo rief der Prinzregent am 7. 9. 1822 die Unabhängigkeit Brasiliens aus und wurde am 1. 12. als Peter I. zum Kaiser gekrönt. Portugal erkannte die Unabhängigkeit 1825 an. Außen- und innenpolitische Misserfolge sowie zahlreiche Konflikte mit dem Parlament und den führenden Schichten im Land zwangen Peter I. am 7. 4. 1831 zur Abdankung zugunsten seines fünfjährigen Sohnes Peter II., der ab 1840 selbstständig die Politik leitete. Unter seiner Herrschaft stabilisierte sich die innenpolitische Lage. Die starke europäische Einwanderung und der Aufschwung des Kaffeeanbaus stärkten die Bedeutung des Südens. 1851 half Brasilien, den argentinischen Diktator J. M. Rosas zu stürzen, 1865-70 besiegte Brasilien im Bund mit Argentinien und Uruguay den paraguayischen Diktator F. S. López. Größtes innenpolitisches Problem wurde die Sklaverei. Schon 1831 war der Sklavenhandel verboten, 1850 die Sklaverei eingeschränkt worden; 1871 wurden die Kinder von Sklaven für frei erklärt. Die extremen Abolitionisten forderten aber das totale Sklavereiverbot. Durch die »Lei áurea« (das »goldene Gesetz«) vom 13. 5. 1888 wurde schließlich die Sklaverei entschädigungslos abgeschafft, aber auch das Ende des Kaiserreichs eingeleitet. Die betroffenen Pflanzer, bis dahin eine der wichtigsten Stützen der Monarchie, wechselten ins Lager der Republikaner, das sich durch Uneinigkeit in der Frage der Thronfolge sowie Unruhen in den Reihen der Streitkräfte stark vergrößert hatte. Ein Aufstand der Garnison von Rio de Janeiro am 15. 11. 1889 besiegelte das Schicksal der Monarchie. Die Republik wurde ausgerufen, und die kaiserliche Familie ging ins Exil nach Europa.
 
Anfänge der Republik und Zeit der Diktatur:
 
Eine konstituierende Versammlung beschloss am 24. 2. 1891 die neue Verfassung der Vereinigten Staaten von Brasilien. Die ersten Regierungen waren Militärdiktaturen. Die innenpolitische Lage und die durch die Zerrüttung der Staatsfinanzen beeinträchtigte ökonomische Entwicklung stabilisierten sich erst seit den Präsidenten P. J. Moraes Barros (1894-98) und M. F. de Campos Sales (1898-1902). In der auswärtigen Politik, die Baron do Rio Branco (1902-12) als Minister leitete, wurden zahlreiche Grenzfragen mit den Nachbarstaaten meist zugunsten Brasiliens geregelt. Erfolge beim Kaffee-Export, infrastrukturelle Verbesserungen sowie die Anfänge der Industrialisierung während des Ersten Weltkrieges begünstigten die Wirtschaft Brasiliens und bedingten Veränderungen in der Gesellschaftsstruktur. Die Wirtschaftsdepression der Nachkriegsjahre beendete den Exporthandelsboom und verursachte finanz- und innenpolitische Krisen, in denen die Armee, getragen durch die reformorientierte Leutnantsbewegung (»tenentismo«), an politischem Einfluss gewann. An der Spitze einer Aufstandsbewegung gelangte 1930 G. D. Vargas an die Macht. Über die Verfassung von 1934 und 1937 (Errichtung des »Estado Novo«, deutsch »Neuer Staat«, mit autoritärem Regierungssystem auf korporativer Basis) entwickelte er eine persönliche Diktatur. Aufstände der Kommunisten (1935) und der faschistischen »Integralisten« (1939) wurden niedergeschlagen, die Parteien 1937 verboten. Nach anfänglicher Subventionierung der Kaffeeproduktion unterstützte Vargas Industrialisierung und Diversifikation der Agrarproduktion und versuchte, die Lage der unteren Schichten durch soziale Reformen zu verbessern. Im Zweiten Weltkrieg trat Brasilien (1942) auf die Seite der »Anti-Hitler-Koalition« (Truppeneinsatz in Italien). 1945 war Brasilien Mitbegründer der UNO, 1948 der OAS.
 
Die Entwicklung 1945-1985:
 
Die Opposition gegen Vargas' diktatorischer Regierung führte 1945 zu seinem Sturz. Unter dem gewählten, 1946-51 amtierenden Präsidenten General Eurico Gaspar Dutra (* 1885, ✝ 1974) wurde mit der Verfassung von 1946 wieder ein demokratisches Regierungssystem eingeführt. 1950 wurde Vargas durch Wahl erneut Präsident (Amtsantritt 1951). Er verfolgte ein wirtschaftsnationalistisches Programm, drosselte ausländische Investitionen, förderte den Ausbau der brasilianischen Industrie (1953 Gründung der staatlichen Erdölgesellschaft Petrobrás) und unterstützte die Landwirtschaft. 1954 beging er, unter massiven politischen Druck geraten, Selbstmord. Sein Nachfolger wurde Vizepräsident J. Café Filho (September 1954 bis November 1955).
 
Präsident J. Kubitschek de Oliveira (1956-61) legte den Schwerpunkt auf die Förderung ausländischer Investitionen sowie die Erschließung Innerbrasiliens (Bau der neuen Hauptstadt Brasília). Sein Nachfolger J. Quadros (Januar-August 1961), der die hohe, durch die ehrgeizige Entwicklungspolitik seines Vorgängers beschleunigte Inflation durch ein Sparprogramm bekämpfen wollte, löste mit seinem Rücktritt eine Krise aus. Nach einer durch Intervention der Militärs vorgenommenen Beschneidung der Befugnisse des Präsidenten zugunsten des neu geschaffenen Amtes des Ministerpräsidenten konnte der bisherige Vizepräsident, der sozialreformerisch eingestellte J. Goulart, die Präsidentschaft antreten. 1963 ließ er durch ein Plebiszit diese Verfassungsänderung rückgängig machen. Gegen seine Dekrete über Landreform und Verstaatlichung von Erdölraffinerien sowie seine Forderung nach Aufhebung des Wiederwahlverbots für einen amtierenden Präsidenten bildete sich eine Oppositionsfront, die ihn 1964 stürzte.
 
Während der folgenden zwei Jahrzehnte bestimmte die militärische Führung den Präsidenten aus ihren Reihen. Mit mehreren »institutionellen Akten« errichteten die Militärs ein diktatorisches Herrschaftssystem; dabei wurden zahlreiche Personen verhaftet, vielen Politikern die politischen Rechte entzogen (u. a. Kubitschek, Quadros, Goulart), das lockere, aus der Vargaszeit stammende Parteiengefüge durch ein staatlich dekretiertes Zweiparteiensystem ersetzt (1965) und die Opposition unterdrückt. General Castelo Branco, 1964-67 Präsident, führte unter Politikern und Beamten ein großes Revirement durch, erhöhte die Steuern zur Sanierung der Staatsfinanzen und förderte ausländische Investitionen. Marschall Arturo da Costa e Silva (* 1902, ✝ 1969) sah sich als Präsidenten (1967-69) längeren Streiks, Studentenrevolten und einer erstarkten politischen Opposition gegenüber. Durch die institutionelle Akte Nummer 5 (13. 12. 1968 wurden die diktatorischen Vollmachten des Präsidenten erweitert. Der Präsident General Médici (1969-74) bekämpfte terroristische Aktivitäten mit großer Härte und forcierte die wirtschaftliche Erschließung des Amazonasbeckens. Unter seinem Nachfolger General E. Geisel (1974-79) begann eine Auflockerung des diktatorischen Regierungssystems (Aufhebung der institutionellen Akte Nummer 5 am 1. 1. 1979). Die Amtszeit von General Figueiredo (1979-85) stand im Zeichen wirtschaftlicher Rezession, wachsender Auslandsschulden und hoher Inflationsraten. In der Innenpolitik setzte Figueiredo den Demokratisierungsprozess fort: Er lockerte die Zensurbestimmungen, gestattete die Rückkehr exilierter Oppositionspolitiker und ließ eine freiere Bildung politischer Parteien zu.
 
Neueste Entwicklung:
 
Ein Wahlmännergremium bestimmte im Januar 1985 den zivilen Gouverneur von Minas Gerais, T. de Almeida Neves, zum Präsidenten; Krankheit verhinderte seinen Regierungsantritt, sodass Vizepräsident J. Sarney zunächst interimistisch die Amtsgeschäfte führte und nach Neves' Tod (22. 4. 1985 Präsident wurde. In einer Verfassungsreform wurde 1988 das Präsidialsystem festgeschrieben (Direktwahl des Präsidenten). Unter dem Druck des Internationalen Währungsfonds suchte Sarney die hohen Auslandsschulden abzubauen und die Wirtschaftskrise zu bewältigen (Währungsreform 1989). Die Präsidentschaftswahlen 1989 gewann der Kandidat des neu gegründeten rechtskonservativen »Partido da Reconstrução Nacional« (PRN, deutsch »Partei des Nationalen Wiederaufbaus«), F. Collor de Mello (Amtsantritt März 1990). Seine Bemühungen um Sanierung der Wirtschaft hatten nur vorübergehend Erfolg (Umschuldung internationaler Verbindlichkeiten, erneute Währungsreform, parallel dazu Verschärfung der sozialen Gegensätze). Die dringend notwendige Agrarreform, für deren Verwirklichung sich Mitte der 80er-Jahre die »Bewegung der Landlosen« gebildet hatte, blieb jedoch aus. Seit Mai 1992 war der Präsident Vorwürfen der Bestechlichkeit und der Verletzung der Amtspflichten ausgesetzt, am 29. 9. 1992 leitete das Parlament ein Amtsenthebungsverfahren ein, am 29. 12. 1992 trat er zurück. Die Nachfolge übernahm Vizepräsident I. Franco. Seinem Minister F. H. Cardoso gelang es Mitte 1994, die Inflation zu stoppen (»Plano Real« für einen umfassenden Umbau von Wirtschaft, Verwaltung und Sozialsystem; 1. 7. 1994: Einführung der neuen Währung Real). Dieser Erfolg trug dazu bei, dass Cardoso (Sozialdemokratische Partei) die Präsidentschaftswahlen im Oktober 1994 gewann (Amtsantritt 1. 1. 1995). Er setzte sein Reformprogramm fort (u. a. Lockerung der Staatsmonopole), erreichte aber in der Sozialpolitik kaum Fortschritte, v. a. die Landreform, Voraussetzung für die Bekämpfung der Armut, kam kaum voran. Als Reaktion darauf verstärkten sich die Proteste der »Landlosen«, die sich in - zum Teil von der Militärpolizei brutal bekämpften - Landbesetzungen und Massendemonstrationen äußerten (1996/97). Mit einer Verfassungsänderung ermöglichte Cardoso seine Wiederwahl 1998. Die zweite Amtszeit stand zunächst im Zeichen der Überwindung der (internationalen) Wirtschafts- und Finanzkrise, doch erholte sich die Wirtschaft im Laufe des Jahres 1999 rasch. Das Problem der Landreform konnte dagegen immer noch nicht gelöst werden.
 
 
Allgemeines:
 
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S. Buarque de Holanda: Die Wurzeln B.s (a. d. Port., 1995);
 
Ohne uns keine Demokratie. Soziale Bewegungen u. die Auseinandersetzung um die Demokratie in B., hg. v. M. Hellmann (1995).
 
Hier finden Sie in Überblicksartikeln weiterführende Informationen:
 
Portugal im Zeitalter der Entdeckungen: Der Weg ins Dunkle
 
Vereinigte Staaten von Amerika (1815 bis 1854): Expansion von Meer zu Meer
 
Lateinamerika: Zwischen Reform und Diktatur
 

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Bra|si|li|en; -s: Staat in Südamerika.

Universal-Lexikon. 2012.

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